Brief an die Aktionäre
Sehr geehrte Aktionäre, meine Damen und Herren,
das Geschäftsjahr 2024 / 2025 stand unter besonderen Vorzeichen: Global gab es eine Verschärfung der Konflikte und einen zunehmenden Protektionismus, in Europa ein schwaches Wirtschaftswachstum sowie eine offene Energieund Industrieagenda und in Deutschland hohe Standort- und Energiekosten, einen Fachkräftemangel sowie einen Abbau von Industriearbeitsplätzen bei gleichzeitig komplexen Regulierungen. In einem solchen Umfeld Kurs zu halten – und gleichzeitig zu beschleunigen – das war und ist auch weiterhin unsere zentrale Managementaufgabe als Vorstandsteam.
Umso entscheidender ist es, dass wir als Vorstand dem Aufsichtsrat unser strategisches Zukunftsmodell für thyssenkrupp vorgestellt haben.
Nach Jahren der Unklarheit haben Sie nun, liebe Aktionärinnen und Aktionäre, strategische Orientierung wie es vorangeht. Noch wichtiger: Wir setzen bereits um – entschlossen und mit hoher Geschwindigkeit, trotz herausfordernder Märkte und geopolitischer Unwägbarkeiten. Zunächst jedoch ein Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung von thyssenkrupp in diesem Geschäftsjahr:
Einordnung des Geschäftsjahrs
2024 / 2025 war ein anspruchsvolles Geschäftsjahr. Unsichere Märkte und schwächere Nachfrage – vor allem in der Automobilindustrie sowie im Maschinen- und Anlagenbau – haben unser Geschäft spürbar gebremst. Wir haben deshalb die Umsatzprognose im Laufe des Geschäftsjahres nach unten korrigiert und unsere Erwartung für das Bereinigte EBIT auf einen Wert im unteren Bereich der Bandbreite zwischen 600 und 1.000 Mio € konkretisiert. Zugleich ist es uns gelungen, das Bereinigte EBIT trotz eines Umsatzrückgangs von 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr um 72 Mio € auf 640 Mio € zu steigern. Unser internes Performanceprogramm APEX hat diese Entwicklung unterstützt. Der Free Cashflow vor M&A lag mit 363 Mio € ebenfalls über dem Vorjahr. Die zuletzt im 9-Monats-Bericht angepassten Ziele für unsere finanziellen Kernsteuerungsgrößen haben wir erreicht.
Jahr der Entscheidung – Neue strategische Zukunft gibt Gewissheit
Wir hatten für das abgelaufene Geschäftsjahr wichtige Entscheidungen angekündigt – und haben sie auch getroffen. Im Mittelpunkt stand dabei die Vorstellung unseres neuen strategischen Zukunftsmodells. Es dient als Handlungsrahmen für die Transformation von thyssenkrupp: Wir entwickeln die thyssenkrupp AG zu einer Finanzholding weiter, unter deren Dach starke, eigenständige Unternehmen vereint sind. Damit schaffen wir für sie mehr unternehmerische Freiheit, klare Ergebnisverantwortung und insgesamt eine höhere Transparenz. Zudem eröffnen wir unseren Einheiten durch den eigenständigen Zugang zum Kapitalmarkt zusätzliche Wachstumschancen.
Die Umsetzung erfolgt schrittweise. Wir verselbstständigen Segmente, sobald sie auf eine nachhaltig robuste wirtschaftliche Performance ausgerichtet sind. Wo die Voraussetzungen für eine Verselbstständigung noch nicht gegeben sind, stärken wir gezielt Leistung und Wettbewerbsfähigkeit. Alle Segmente richten ihre Maßnahmen konsequent an diesem Zukunftsmodell aus. Dieser Ansatz ist pragmatisch, verlässlich und auf Wertsteigerung ausgerichtet. Er gibt unseren aktuell rund 93.400 Mitarbeitern genauso wie Ihnen, unseren Eigentümern, eine klare Perspektive.
Auch der Kapitalmarkt hat diesen Kurs bestätigt: Die thyssenkrupp Aktie legte im Berichtszeitraum um rund 240 Prozent zu und entwickelte sich damit deutlich besser als die relevanten Vergleichsindizes. Die klare Ausrichtung auf Verselbstständigung hat das Vertrauen gestärkt – der Aktienkurs erreichte Ende September 2025 mit 11,81 € seinen Höchststand.
Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung war die Ankündigung der Abspaltung eines Minderheitsanteils von Marine Systems. Am 20. Oktober 2025 haben wir TKMS erfolgreich an die Börse gebracht und damit einen Meilenstein gesetzt.
TKMS ist heute Europas einziges vollintegriertes Systemhaus für maritime Verteidigung. Mit rund 8.600 Beschäftigten und einem Auftragsbestand auf Rekordniveau von 18,2 Mrd € ist das Unternehmen als maritimes Powerhouse hervorragend aufgestellt. Die Börsennotierung verleiht TKMS zusätzliche Agilität, Flexibilität und Optionen – bei gleichzeitigem Rückhalt durch einen starken Ankeraktionär.
Auch bei Steel Europe haben wir entscheidende Fortschritte erzielt. Im Juli 2025 hat der Stahlvorstand mit der IG Metall einen neuen Sanierungstarifvertrag „Neuaufstellung Stahl“ ausgehandelt. Dieser bildet die Basis, um das „industrielle Zukunftskonzept“ von Steel Europe ab dem Geschäftsjahr 2025 / 2026 Schritt für Schritt umzusetzen. Die Produktionskapazitäten sollen auf ein Versandniveau von 8,7 bis 9 Millionen Tonnen reduziert, Effizienz gesteigert und ein wettbewerbsfähiges Kostenniveau erreicht werden. Parallel dazu investieren wir in Technologie- und Qualitätsführerschaft sowie in die grüne Transformation. So errichten wir die erste Direktreduktionsanlage in Duisburg und gehen damit trotz des herausfordernden wirtschaftlichen Umfelds sowie regulatorischer Unsicherheiten in Vorleistung. Zudem prüfen wir neue strategische Partnerschaften. Jindal Steel International befindet sich nach einem unverbindlichen indikativen Kaufangebot in einem konstruktiven Prüfprozess. Die Gespräche mit der EP Group (EPG) über ein mögliches 50 / 50-Joint-Venture haben wir hingegen einvernehmlich beendet. EPG hat seine bisherigen Anteile zurückgegeben, um den Weg für neue Partnerschaften freizumachen. Unser Ziel bleibt dabei unverändert: eine eigenständige, wettbewerbsfähige und zukunftssichere Perspektive für Steel Europe.
Jahr der Umsetzung – Neuausrichtung in allen Segmenten
Die Fortschritte des vergangenen Geschäftsjahres ermöglichen es uns, unsere strategischen Pläne konsequent weiter voranzutreiben. Sie bilden die Grundlage für das laufende Geschäftsjahr 2025 / 2026, das für thyssenkrupp schon mit der erfolgreichen Börsenplatzierung von TKMS zum „Jahr der Umsetzung“ geworden ist und sich mit weiteren konkreten Fortschritten in der Umsetzung unseres Zukunftsmodells entsprechend fortsetzen soll.
Bei Materials Services treiben wir die Verselbstständigung voran. Das Segment entwickelt sich vom klassischen Werkstoffhändler zum modernen Lieferkettendienstleister. Unsere Schwerpunkte liegen dabei auf dem Ausbau des Supply-Chain-Geschäfts, der Digitalisierung der Prozesse und nachhaltigen Lösungen für unsere Kunden. In Europa und den USA sehen wir weiteres Potenzial für Konsolidierung und Wachstum. In Nordamerika haben wir die Kapazitäten in der Präzisionsmetallverarbeitung ausgebaut und mit einem neuen Standort in New Mexico unsere Verarbeitung und Distribution erweitert. Durch die Übernahme von Waves in Luxemburg, einem Softwareanbieter für ESG-/Nachhaltigkeitsdaten und Reporting, stärken wir unser digitales Nachhaltigkeitsportfolio. Und mit dem Ausbau der Servicecenter und der Integration des Technology Centers in Indien erhöhen wir unsere digitale Kompetenz und Marktpräsenz.
In den beiden anderen Geschäftseinheiten konzentrieren wir uns zunächst auf die Stärkung der Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit:
Automotive Technology arbeitet in einem weiterhin schwierigen Marktumfeld und setzt ein globales Effizienzprogramm um, das Kostensenkungen, Prozessoptimierung und die Bündelung von Unterstützungsfunktionen umfasst. Zugleich stellen wir auf vier kunden- und technologieorientierte Business Units um. Jede Einheit soll ihre operative Effizienz steigern, Investitionen eigenständig finanzieren und nachhaltig profitabel wachsen. Für Aktivitäten, die nicht mehr zu unseren Schwerpunktbereichen zählen, prüfen wir Optionen wie Partnerschaften oder neue Eigentümermodelle. In diesem Kontext haben wir am 21. November 2025 mit Unterzeichnung der entsprechenden Verträge den Verkauf des Kerngeschäfts von Automation Engineering an Agile Robots eingeleitet.
Auch bei Decarbon Technologies richten wir den Fokus auf Leistung und Zukunftsfähigkeit. Der Markthochlauf grüner Technologien verläuft langsamer als ursprünglich erwartet, doch sehen wir mittel- bis langfristig nach wie vor erhebliches Potenzial. Uhde ist weltweit führend in der Planung und dem Bau großtechnischer Ammoniakanlagen. Gemeinsam mit Uniper entwickelt das Unternehmen einen industriellen Ammoniak-Cracker, der den Import und die Nutzung von grünem Wasserstoff im großen Maßstab ermöglicht. Rothe Erde leistet mit Großwälzlagern für Windkraftanlagen und dem direkten Anschluss eines Werks an einen Windpark Beiträge zur Energiewende. Polysius liefert die Schlüsseltechnologie für das erste CO₂-neutrale Zementwerk in Deutschland. Und thyssenkrupp nucera treibt den weltweiten Ausbau der grünen Wasserstoffproduktion voran: Mit mehr als 600 Projekten und über zehn Gigawatt installierter Leistung zählt das Unternehmen zu den führenden Anbietern von Elektrolysetechnologien.
Entlang des Zukunftsmodells werden wir auch Corporate und die Service-Einheiten neu ausrichten. Corporate soll schlanker und fokussierter werden mit den Kernaufgaben einer Finanzholding – Beteiligungen, finanzielle Steuerung, Governance und Kapitalmarkt. Die Service-Gesellschaften werden ihr Portfolio auf geschäftskritische Leistungen konzentrieren. Dort, wo sinnvoll, gehen Verantwortlichkeiten in die Segmente über.
Erwartungen für 2025 / 2026
Für das Geschäftsjahr 2025 / 2026 erwarten wir ein anhaltend herausforderndes Umfeld. Die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft bleibt unsicher. Vor diesem Hintergrund rechnen wir mit einem Konzernumsatz in einer Spanne von –2 Prozent bis 1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Bereinigte EBIT erwarten wir zwischen 500 und 900 Mio €. Der Free Cashflow vor M&A wird – unter Berücksichtigung der Auszahlungen für Restrukturierungen und Investitionen – voraussichtlich zwischen –600 und –300 Mio € liegen. Beim Jahresüberschuss gehen wir von –800 bis –400 Mio € aus; darin enthalten sind Restrukturierungsrückstellungen, insbesondere bei Steel Europe.
Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre, entscheidend ist, dass wir die Maßnahmen zur Leistungssteigerung auch weiterhin konsequent umsetzen. Wir stehen für Verantwortung und Leistung. Und wir verfolgen unser Ziel, ein konzentriertes, flexibles und klar aufgebautes Unternehmen zu schaffen, das aus eigenständigen, erfolgreichen Geschäftsbereichen besteht.
Dieser Weg wäre ohne den außergewöhnlichen Einsatz unserer Mitarbeiter weltweit nicht möglich. Ihr Engagement und ihre Bereitschaft, Veränderungen aktiv mitzugestalten, sind das Herzstück unseres Unternehmens. Dafür sagen wir: Vielen Dank. Ebenso danken wir Ihnen, unseren Aktionärinnen und Aktionären, für Ihr Vertrauen. Wir sind überzeugt: Unsere Strategie bietet Ihnen, unseren Eigentümern und Aktionären, in den kommenden Jahren große Chancen. Mit Ihrer anhaltenden Unterstützung können wir diese gemeinsam nutzen, Werte schaffen und den langfristigen Erfolg von thyssenkrupp sichern.
Ihr
Miguel López
Vorsitzender des Vorstands